Zeitzeichen: Lasset uns beten...
hart, aber beeindruckend, dieses Gebet von Jagen Rether
Mit zwölf ist man in Asien zu alt zum Teppichknüpfen für IKEA, weil die Hände zu groß sind. Man darf aber erst mit vierzehn bei NIKE anfangen. Da entsteht eine Versorgungslücke von zwei Jahren, die meistens mit Prostitution gestopft wird.
O Herr, wir haben keine Ahnung von Sklavenhandel mit Kindern, Zerstörung ganzer Volkswirtschaften durch Börsenspekulationen und Umweltkatastrophen durch Ressourcenausbeutung.
Herr, die meisten von uns sind froh, wenn sie sich ihr Autokennzeichen merken können. Kein Schwanz kennt (aus dem Stehgreif) den Zusammenhang zwischen Aktienkursen und Leitzinsen. Wir kennen ja nicht einmal unsere Blutgruppe.
Herr, wir sind so hohl, wie wir voll sind.
Die anderen hoffen auf Frieden, und wir hoffen, dass man uns im Urlaub nicht entführt. Die haben Angst, dass ihre Kinder verhungern, und wir haben Angst, dass unser Deo versagt und dass man uns beim Telefonieren im Auto erwischt.
O Herr, wir kaufen ihre Frauen und behaupten, sie würden uns unsere Arbeitsplätze wegnehmen.
Lassen Sie uns eng zusammenstehen und greifen Sie die Hand Ihrer Nächsten.
Herr, mach hoch die Tür, die Tor mach zu und die Mauern dick, denn es kommt ein Heer von kleinwüchsigen, wütenden Analphabeten und Hungerleidern über uns. Die Tutsie und Hutu werden sich gemeinsam gegen uns verschwören, die nicaraguanischen Kaffebauern, die Schafhirten aus Kaschmir und die kampferprobten Kindersoldaten aus Sierra Leone. Sie alle werden kommen, über unsere Sicherheitszäune krabbeln und uns hinwegfegen wie El Nino. Sie werden uns mit Basmatireis bewerfen und mit Naturreis und mit Parfumreis und mit Milchreis und mit Langkornreis und mit Wildreis und mit Uncle Ben's Beutelreis und mit Puffreis. Sie werden in unseren Hobbykellern Darts spielen und in unseren Swingerclubs swingen, von unseren Tellerchen essen und mit unseren blonden Töchtern in unseren Ikeabetten schlafen. Sie werden auf unseren Teakholzmöbeln gammeln, Cohibas rauchen, Darjeeling schlürfen und Millionenshow schauen. Wahrlich, ich sage euch, sie werden mit unseren Geländewagen im Stau stehen und über die Ökosteuer fluchen.
Herr, wie kriegen wir in ihren Dritteweltschädel rein, dass du ein Aufsichtsratsvorsitzender bist.
Machen wir es uns gemütlich vor dem Herrn, lasset uns beten:
Vater unser, der du bist im Himmel, gereinigt werde dein Name. Wir sind steinreich, komm ey, unser Wille geschehe wie in Chile so auch in Schweden. Deren täglich Brot gib uns heute und vergib du ihnen doch ihre Schulden, wie auch wir vergeben unsere Kredite. Und fürhe keine Untersuchung, sondern gib die Erlöse von den Börsen. Denn wir sind reich, ham die Kraft und die Herrlichkeit und sie bleiben immer die in Ewigkeit Armen.
Jagen Rether, Schriftsteller und Kabarettist
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